rheinstetten-online.de

das Internetportal für Rheinstetten von Südhardt-Medien

Start Magazin Gesundheit Neue Wege bei der Krebstherapie

Neue Wege bei der Krebstherapie

E-Mail Drucken PDF

Bestrahlung mit Ionen verspricht Chancen in sonst hoffnungslosen Fällen

Darmstadt/Heidelberg. Die Bestrahlung von bösartigen Tumoren gehört seit vielen Jahren zur Standard-Therapie im - teilweise verzweifelten - Kampf gegen Krebs. Aber diese "klassische" Methode hat, trotz aller Erfolge, auch viele Nachteile oder - in der Sprache der Medizin - "Nebenwirkungen".

Doch die Forschung ist in den letzten Jahren nicht untätig gewesen und hat konsequent einen neuen Weg verfolgt, den (in Deutschland) die Wissenschafter an der Darmstädter Gesellschaft für Schwerinonenforschung (GSI) maßgeblich mit entwickelt und zur Anwendungsreife gebracht haben.

Die GSI betreibt eine große, weltweit einmalige Beschleunigeranlage für Ionenstrahlen. Forscher aus aller Welt nutzen die Anlage für Experimente, durch die sie faszinierende Entdeckungen in der Grundlagenforschung machen. Darüber hinaus entwickeln sie immer wieder neue und eindrucksvolle Anwendungen. Die bekanntesten Resultate sind die Entdeckung von sechs neuen chemischen Elementen und - eben - die Entwicklung einer neuartigen Tumortherapie mit Ionenstrahlen.

Wie funktioniert die "klassische" Bestrahlung?

In der konventionellen Strahlentherapie wird mit Röntgen- bzw. Gammastrahlen bestrahlt, die aus kleinen Energiepaketen, den Photonen, bestehen. Diese Strahlen werden von außen durch den Körper und den Tumor geschossen, den es zu zerstören gilt. Das geschieht in der Regel von verscheidenen Seiten: Die Stahlen sind dabei so ausgerichtet, dass sie sich an einer Stelle im Tumor kreuzen. Je mehr Strahlen sich an einer Stelle treffen, desto höher ist dort die "Dosis", die den Tumor zerstört. Umgekehrt kann so die Dosis, die ein einzelner Strahl bei seinem Weg durch den Körper an gesunde Zellen - die auf seinem Weg zum Tumor liegen - abgibt, minimiert werden.

Was ist an der neuen Methode besser als bei der üblichen Bestrahlung?

Es gibt Tumoren, die Photonen gegenüber fast völlig unempfindlich sind. Auch bei Tumoren, die tief im Körper liegen oder neben sehr strahlenempfindlichen Geweben oder Organen lokalisiert sind, wie z.B. Hirnstamm, Sehnerv oder Darm, stößt die konventionelle Strahlentherapie an ihre natürlichen Grenzen: Mit ihr ist es technisch unmöglich, dem Tumor eine ausreichend hohe Dosis zu verabreichen, ohne das Nachbargewebe zu schädigen.

Im Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum (HIT) werden Ionen (Wasserstoff oder Kohlenstoff) auf über drei Viertel der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und dann zielgenau in Richtung Tumor „geschossen“. Je nach Geschwindigkeit bzw. Energie können die Ionen bis zu 30 Zentimeter tief ins Gewebe eindringen und damit auch tief liegende Tumoren erreichen.

Das den Tumor umgebende gesunde Gewebe wird mit einer Ionenstrahlung optimal geschont. Denn aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit und ihrer großen Masse „durchschlagen“ Ionen das Gewebe blitzschnell und bilden ein scharf begrenztes Strahlenbündel mit nur minimaler seitlicher Streuung. Ionen geben erst ganz am Ende ihres Weges, kurz bevor sie stehen bleiben, ihre zerstörerische Energie auf einen Schlag an das Gewebe ab. Forscher nennen diesen Bereich Bragg-Peak, benannt nach seinem Entdecker William Henry Bragg (1862 - 1942, englischer Nobelpreisträger für Physik).

„Peak“ heißt auf deutsch „Spitze“ und bezeichnet den Bereich, an dem die Strahlung ihren Spitzenwert erreicht. Danach kommt es zu einem steilen Dosisabfall auf nahezu null, so dass hinter dem Tumor liegendes Gewebe nicht belastet wird (siehe Bild). Der Therapiestrahl lässt sich aufgrund dieses physikalischen Prionzips daher so steuern, dass die maximale Strahlendosis genau den Tumor trifft. Der Bereich des Bragg-Peaks lässt sich auch beliebig verbreitern, indem man verschiedene Strahlen überlagert, so dass Tumoren jeder Form, Größe und Tiefenlage im Gewebe millimetergenau vom Strahlenbündel überdeckt werden.

Die Anlage auf dem Campus der Unikliniken Heidelberg wurde Ende 2009 in Betrieb genommen und bestätigt bisher alle Erwartungen, die schon die Darmstädter Kollegen in die Methode gesetzt hatten. In Heidelberg sollen im Routinebetrieb ca. 1.000 Patienten im Jahr bestrahlt werden. Doch die Technologie ist teuer und bisher ist nicht abzusehen, ob derartige "high tech" Geräte noch an weiteren Stellen in Deutschland aufgestellt werden können.

Ist die Investition einmal geträtigt, dann ist eine Behandlung (so die Zahlen des HIT) nur rund dreimal so teuer wie die konventionelle Strahlentherapie, liegt aber in der gleichen Größenordnung wie aufwändige operative Behandlungen oder Chemotherapien.


Quellen und weitere Informationen zu