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Missbrauch der Rettungsdienste?

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Auch in Rheinstetten zunehmend ein Problem

Mainz/Rheinstetten. Rettungsdienste in ganz Deutschland beklagen immer mehr Einsätze wegen Lappalien. Sie führen dies unter anderem auf Defizite beim kassenärztlichen Bereitschafts- und Notdienst zurück.

Ein Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes bestätigte dem ARD-Politikmagazin REPORT MAINZ: "Tatsächlich ist es so, dass wir im DRK-Bundesverband zunehmend Berichte erhalten, dass Menschen lieber die 112 wählen statt zum Arzt zu gehen oder den Notdienst der Kassenärztlichen Vereinigung anzurufen (...)." Es komme sogar innerhalb der Sprechstundenzeiten dazu, "dass Arztpraxen an die 112 verweisen. Bei den uns immer wieder beschriebenen Fällen wird vor Ort beim Patienten festgestellt, dass die Voraussetzungen für eine Rettungsfahrt nicht vorliegen."

Diese bundesweite Beobachtung des DRK und anderer Rettungsdienste kann auch der Ortsvereinsvorsitzende des DRK in Rheinstetten-Mörsch, Dr. Jürgen Schöchlin, bestätigen: Vor allem in den letzten Jahren wurde der Rettungsdienst überproportional häufig von Patienten alarmiert, die sich hilfesuchend an Rheinstettener Arztpraxen gewandt hatten und von den Helferinnen dann schnell an die 112 verwiesen wurden. Häufig werde der Notarzt auch "direkt vom Tresen" nach Rheinstetten angefordert, ohne dass der Arzt zuvor persönlich mit seinem Patienten gesprochen habe, geschweige denn vor Ort gewesen wäre. Die Mitarbeiter der Rettungsleitseitstelle hätten in diesen Fällen, so Schöchlin, trotz ehrfahrungsgemäßer Zweifel an der Sinnhaftigkeit des angeblichen Notfalleinsatzes, keine Chance, diesen zu verweigern und müßten sofort einen Rettungswagen bzw. einen Notarzt mit Blaulicht und Martinshorn losschicken. Die Hausärzte begründen diese "Strategie" hinter vorgehaltener Hand mit den aktuellen Vergütungssätzen der Kassen. Demnach muss eine Praxis einfach viel "Umsatz" machen, um wirtschaftlich zu sein. Der niedergelassene Arzt könne es sich daher kaum leisten, diese - während der Sprechzeiten - wegen dringender Hausbesuche zu verlassen. Um Haftungsproblemen aus dem Weg zu gehen und den Praxisbetrieb nicht weiter zu stören, würde der Anrufer dann schon vom Hilfspersonal am Telefon zum "Fall für den Rettungsdienst" erklärt.

REPORT MAINZ berichtet in seiner Sendung vom 17. April 2012 beispielhaft über die Situation im Wetteraukreis in Hessen. Hier hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen in den vergangenen Monaten mehrere Notdienstbezirke fusioniert, mit der Folge dass es weniger Anlaufstellen für Patienten gibt. Der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes im Wetteraukreis, Dr. Reinhold Merbs, berichtet, die Zahl der Einsätze sei um mehr als 10 Prozent gestiegen. Gegenüber REPORT MAINZ sagte er: "Unsere Analyse für das erste Quartal 2012 hat ergeben, dass wir seit der Strukturänderung beim ärztlichen Bereitschaftsdienst im Vergleich zum Vorjahresquartal ungefähr 1000 Einsätze mehr haben." Rettungsassistenten müssten immer mehr Fälle abarbeiten, die nicht zum rettungsdienstlichen oder notfallmedizinischen Bereich gehörten. Die KV Hessen weist die Kritik zurück. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es, der gesetzliche Sicherstellungsauftrag werde uneingeschränkt erfüllt: "Der Bereitschaftsdienst- bzw. Notdienst in Hessen funktioniert gut (...). Die Zeiten zwischen Anruf und Besuch (haben sich) gegenüber der Situation vor 2012 vielfach sogar verkürzt."

Eine Umfrage von REPORT MAINZ bei allen Kassenärztlichen Vereinigungen ergab, dass es in den vergangenen Jahren in mindestens sechs weiteren Regionen Vergrößerungen von Notdienstbezirken gegeben hat bzw. solche geplant sind. Hierzu zählen Baden-Württemberg, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Thüringen und Westfalen-Lippe. Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Köhler, räumte den Trend gegenüber REPORT MAINZ ein: "Wenn wir es weiterhin schaffen wollen, an jedem Ort in Deutschland einen Bereitschafsdienst aufrecht zu erhalten, dann müssen wir das auch so machen, dass manche Hausärzte nicht jeden zweiten Tag rund um die Uhr tätig sein müssen. Deswegen müssen wir die Bereitschaftsdienstbezirke vergrößern (...). Die Anfahrtswege werden etwas länger sein, aber wir halten sie im Vergleich zu anderen europäischen Ländern immer noch für absolut vertretbar."        

Der Vorstandsvorsitzende der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland, Walter Bockemühl, sieht in den Strukturreformen dagegen eine bedenkliche Entwicklung. Im Interview mit REPORT MAINZ sagte er: "Das sind Pseudolösungen, weil ich damit natürlich aus der Fläche heraus gehe mit dem ärztlichen Bereitschaftsdienst, aber der ärztliche Bereitschaftsdienst muss ja gerade wegen der Versorgungssituation der Bevölkerung nahe bei den Menschen sein."

Quelle: Report Mainz (ARD), 17.04.2012